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    Jean-Paul-Portal

    Wozu eine Pilot-Edition?
    Der "Hesperus" als erster Band einer
    neuen Werk-Abteilung

    Wer sich mit Jean Pauls Erfolgsroman "Hesperus" beschäftigt, ist bislang auf den editorisch bearbeiteten Text der dritten Auflage verwiesen, präsentiert in zwei Ausgaben: in dem "Hesperus"-Band der Abteilung I der "Sämtlichen Werke", herausgegeben von Eduard Berend in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, oder in seinem (in der Textgrundlage übereinstimmenden) Pendant in Norbert Millers erweiterter Neu-Ausgabe der "Sämtlichen Werke", erarbeitet in den 60er Jahren. Der Leser findet den Text in der Gestalt von 1819 (dritte Auflage) vor, also ediert nach "letzter Hand". 1819, als diese Auflage erschien, war der "Hesperus" längst aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. Den Literaturstreit, an dem Goethe und Schiller beteiligt gewesen waren, hatte die erste Auflage des Romans von 1795 ausgelöst - über zwanzig Jahre zuvor.

    Zu diesem Zeitpunkt hatte der Roman, der Jean Paul zum endgültigen Durchbruch verhalf, eine andere Gestalt. Er war vor allem wesentlich kürzer und umfaßte nur drei Bände (im Vergleich zu den vier Bänden der Auflagen 1798 und 1819). Auf die Rezensenten-Kritik, die "Historie" sei wirr, reagierte Jean Paul später mit einer Erweiterung der Geschichte (in der zweiten Auflage von 1798). 1819 erschien der "Hesperus" noch ein drittes Mal, abermals verändert, mit stilistischen Überarbeitungen, die für den späten Jean Paul typisch sind.

    Jener Roman, der Jean Paul die Kritik der "Klassiker" einbrachte, ihn aber zugleich selbst zum "Klassiker" machte - der "Hesperus" der neunziger Jahre - ist den heutigen Lesern also nahezu unbekannt, da die zur Verfügung stehenden Ausgaben aufgrund einer editorischen Entscheidung (des früher gültigen Primats der "letzten Hand") eine andere Textgrundlage bieten.

    Die Textgrundlage der bisherigen Ausgaben ist allerdings nicht "kritisch": Eduard Berend, als deutscher Jude von den Nationalsozialisten verfolgt, mußte seine Arbeitsergebnisse vor seiner Flucht ins Schweizer Exil bei der Akademie der Wissenschaften in Berlin abgeben, wo sie in den Wirren des Krieges untergingen. Die Vernichtung eines Großteils der von ihm jahrelang erarbeiteten Varianten der Texte hatte für die Ausgabe bis heute spürbare Konsequenzen, da die geplanten "Lesarten-Bände" (mit einer Ausnahme) nicht erscheinen konnten.

    Zudem griff Berend, in dem Bemühen, den Texten zu der mutmaßlich vom Autor gewünschten besten Gestalt zu verhelfen, in die Texte ein, veränderte Satzzeichen und Orthographie sowie mehrfach den Wortlaut (z.B. durch das Einmontieren von Halbsätzen aus der Erstauflage in den Text von 1819).

    Die bisher verfügbaren Werk-Ausgaben - verdienstvolle, bisher für die Forschung unerläßliche Grundlagen - bieten also keinen historisch-kritisch gesicherten Text. Gleichwohl basiert die heutige Kenntnis des Autors auf diesen Editionen; sie prägten die Rezeption Jean Pauls.

    Die neue Edition des "Hesperus" wird demgegenüber nicht nur erstmals den Romantext historisch-kritisch dokumentieren, sondern zugleich jene Klassizität, die nicht in dem einen geschlossenen Text, sondern in dem Bezugssystem der Jean Paulschen Textwerkstatt gründet, aus der Geschichte des Romans entwickeln; aus jenem Schreibprozeß also, der in den bisherigen Ausgaben fehlt, doch nun im Vergleich der Romanfassungen, in der Präsentation der Roman-Vorarbeiten und in der Vernetzung des Romans mit den Konvoluten des Nachlasses im Kommentar deutlich wird.

    Der Pilotband der neuen Werk-Ausgabe sieht sich in der Tradition Berends und Millers, auch wenn er mit ihren editionsphilologischen Vorbedingungen bricht. Es werden neue Wege beschritten, die sich gleichwohl an den Leistungen der vorigen Ausgaben messen lassen müssen. Die Distanzierung von den bisherigen Editionsrichtlinien bedeutet nicht, die neue als die "bessere" Ausgabe zu prätendieren, sondern ist gerade Anlaß, die eigenen editorischen Maßstäbe zu reflektieren; schließlich ist der textgenetische Ansatz der neuen Abteilung IA eine editorische Entscheidung wie die Berendsche Präferenz der "Letzten Hand". Textkritik und jene Innovationen, die die Modell-Edition leistet, begründen jedoch die Unerläßlichkeit einer historisch-kritischen Abteilung IA "Werke" für die künftige Jean-Paul-Rezeption.

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