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    Der Kommentar

    Wie die Edition des Romans selbst (mit ihrer Darbietung der Vorarbeiten sowie aller drei Hesperus-Fassungen) ist auch der Stellenkommentar vom textgenetischen Interesse an der Jean Paulschen Schreibwerkstatt bestimmt. Grundlage der Kommentierung sind darum nicht nur zeitgenössische Handbücher, sondern auch Parallelstellen im edierten Werk Jean Pauls sowie vor allem der umfangreiche Nachlaß des Autors. Paradigma der Erläuterungen ist die Selbstkommentierung, d.h. die Erhellung von Romanstellen aus Nachlaßtexten des Autors selbst. Dabei werden Texte des Nachlasses systematisch für die Erläuterung von Romanstellen nutzbar gemacht. Durch die Erschließung der Jean Paulschen Exzerpthefte sowie durch die in den nächsten Jahren abgeschlossene Abteilung II Nachlaß (vgl. die Projekte "Satiren und Ironien" und "Einfälle, Bausteine, Erfindungen") stehen der "Hesperus"-Edition Materialien zur Verfügung, die im Hinblick auf das Roman-Verständnis ausgewertet werden können. Auch Bezüge zwischen den Nachlaßkonvoluten und den "Hesperus"-Vorarbeiten lassen sich feststellen.

    Zum Charakter solcher Bezüge im Folgenden Beispiele:

    In den Vorarbeiten-Manuskripten Jean Pauls findet sich im Heft A VI, [S. 676], ein Abschnitt mit folgenden, übereinander angeordneten Notaten (Nummernzählung von d. Berarb.):

    1. Junge Löw an d Schwanz.
    2. Pedant geschwäz und diebisch.
    3. Rede v Dante geg das weibl. Geschlecht.
    4. Zwei Vorzim-reden.
    5. Ehrmann heirathet d Rezes. 260/13, ich wil e rezensieren u dan ehrlich.
    6. Gefrierd Wass. erhebt sich in d Mitte (Herz).
    7. Kopf Hals u Flügel d Pfau t Fed. aufgetrag; so Dam da nakt.
    8. Maria u Büch ohne Sünd empfang, ohne gebor.
    9. Aftermott Wachs, nt Honig 60 3.

    Ein Teil der notierten Ideen findet später, in gegenüber den Vorarbeiten-Notaten veränderter Abfolge, Eingang in die Vorrede zur zweiten Auflage des Hesperus:

    • Vgl. Nr. 1: "Niemand gleicht so sehr als die Pedanten den Dohlen, die zugleich diebisch und geschwätzig sind."
      Hesperus (21798), Vorrede, S. 5.
    • Vgl. Nr. 4: "Mache sie aber kurz, da der Welt der Gang durch zwei Vorzimmer in die Passagierstube des Buchs ohnehin lang wird."
      Hesperus (21798), Vorrede, S. 4.
    • Vgl. Nr. 9: "Finde Pedanten, die sich von Worten, nicht von Sachen erhalten und füttern, den Aftermotten ähnlich, die Wachskuchen fressen und verdauen, aber keine Honigfladen."
      Hesperus (21798), Vorrede, S. 5.

    Der Gedanke des Vorarbeiten-Notats "Aftermott Wachs, nt Honig 60 3", der für die Vorrede zur zweiten Auflage des Hesperus ausgearbeitet wurde, läßt sich auf einen wesentlich älteren Eintrag in einem der Jean Paulschen Exzerpthefte zurückführen: "Die Aftermotten verderben den Bienenstok, indem sie in die Wachskuchen Gänge treiben und das Wachs verzeren (das ihr Magen, und keine Chemie auflösen kan) aber keinen Honig." (Exzerpte, Reihe Geschichte, Bd. 3 (1783), S. 60.)

    In diesem Fall ist die Exzerpt-Referenzstelle eindeutig zu identifizieren, da sie durch die Ziffernangaben des Vorarbeiten-Notats von Jean Paul selbst ausgewiesen ist. Allerdings vermerkt Jean Paul nicht in allen Fällen die Bezugsstelle. Gibt der Autor in den Exzerptheften außerdem die Exzerpiervorlage an (was bei dem angeführten Beispiel nicht der Fall ist), lassen sich Einfälle bis zur unmittelbaren Quelle innerhalb des Jean Paulschen Lektürefundus zurückverfolgen. Nicht nur zu den Exzerpten lassen sich Bezüge herstellen, auch weitere Konvolute des Nachlasses bergen Textstellen, die mit Vorarbeiten-Notaten oder Hesperus-Romanpassagen korrespondieren. So findet sich die älteste Bezugnahme auf die Aftermotten nicht in den Exzerptheften, sondern in den Satiren- und Ironienheften: "Die Aftermotten fressen nur das Wachs, keinen Honig. Der Unrat der Motten hat noch die schöne Farbe des gefressnen Tuchs." (Satiren, Bd. 3 (1782), S. [123]/[121])

    Zur Erläuterung der Romanstellen:

    Wo ein Nachlaßtext eine Romanstelle hinreichend erläutert, sollen eigene Anmerkungen der Herausgeberin, so weit möglich, im Sinne einer "Selbstkommentierung" Jean Pauls entfallen. Ist eine Kommentierung durch die Herausgeberin unerläßlich, wird sie nach Möglichkeit mit dem Verweis auf einschlägige Nachlaßtexte verbunden. Hierzu drei Beispiele:

    • "Viktor hatte zu viel Jahre und Bekanntschaften, um so ohne Respekt-Tage [...] verliebt zu werden." (Hesperus (11795), S. 80.)
      Respekttage] "Diskrezions= od. Respekttage sind gewisse Nachtage, welche nach der Verfalzeit eines Wechselbriefs sich anheben und während deren man die Bezahlung nachsieht." Exzerpte, Reihe Geschichte, Bd. 7 (1785), S. 29.
    • "Ich weis nicht, ob diese Vollkommenheit hinreicht, einen wirklichen Fehler des Evangelisten gutzumachen, welches der war, daß er wie an Luperkalien zu oft nach dem weiblichen Geschlecht Hiebe führte." (Hesperus (11795), S. 92.)
      Luperkalien] Römisches Fest zu Ehren des Faunus, das am 15. Februar abgehalten wurde. Zu den dabei von Priestern vollzogenen Fruchtbarkeitsriten zählte das Schlagen der Festgäste, vor allem der Frauen, mit Riemen, die aus dem Fell geopferter Tiere hergestellt wurden; ein Aspekt des Festes, der im Laufe der Zeit zur Volksbelustigung verkam. Vgl. zwei Notizen Jean Pauls in den Exzerptheften (ohne Quellenangaben): "Bei der Feier der Luperkalien peitschten mit Oel bestrichne Männer die Weiber fruchtbar." (Exzerpte, Geschichte, Bd. 1 (1782).) "Von den Luperkalien kömts daß am Fastnachtstag der Bauerniunge seiner Schönen den Hintern peitscht - wurde zum blossen Peitschen der Hand iezt. Auch die Hunde gepeitscht." (Exzerpte, Bd. 18 (1789).)
    • "Denn da der heilige Makarius befiehlt, daß man sich aus Demuth zwanzig Unzen Böses beilegen müsse, wenn man dessen fünf habe - das Gute aber umgekehrt - so suchen redliche Kurialseelen [...]" (Hesperus (11795), S. 91.)
      Denn da der heilige Makarius befiehlt] Vgl. folgenden Eintrag Jean Pauls in die Exzerpthefte: "Makarius in seinen Schriften: ein Christ, der 5 Unzen Sünde habe, müsse sich aus Demuth 20 beilegen; wer 20 Unzen Gutes, kaum eine halbe sich zuschreiben." (Exzerpte, Bd. 10 (1787).) Den selben Gedanken verwendete Jean Paul bereits 1789 in seinen Satirenheften, mit einem Vermerk, der sich auf das zitierte Exzerpt bezieht (vgl. Satiren, Bd. 14, S. 48). - Makarius lebte im vierten nachchristlichen Jahrhundert in Ägypten und verfaßte zahlreiche theologisch-mystische Abhandlungen. Jean Pauls Exzerptquelle ist nicht ermittelbar.

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