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    Jean-Paul-Portal

    Projektdetails

    Die Handschriften

    Es handelt sich um insgesamt über hundert Exzerpthefte, die historisch und thematisch in sechs große Reihen gegliedert sind. Am Anfang stehen die Bände, die neben der Überschrift »Exzerpte« den Zusatztitel »Verschiedenes aus den neuesten Schriften« tragen, aus den Jahren 1778-1781 stammen und größtenteils theologischen Inhalts sind. Nach dieser ersten großen Exzerptreihe entwickelte Jean Paul seit den Jahren 1781/82 ein neues Ordnungssystem für seine nunmehr aus allen Wissensgebieten stammenden Exzerpte.

    [Gesamtübersicht über Jean Pauls Exzerptheften-Reihen 1778-1825]

    Unter den fünf großen Exzerptreihen, die dabei entstanden, ist die zweite Exzerptreihe »Geschichte« (1782-1825) mit 49 Bänden die umfangreichste, gefolgt von der titellosen dritten Reihe (1786-1825), die 24 Bände zählt. Die vierte Reihe (1781-1824) umfasst anfangs Exzerpte »aus belletristischen Schriften«, »aus französischen Büchern« und »aus verschiedenen Schriften«, dann aber vor allem die sieben Bände der Unter-Reihe »Geographie«. Die fünfte Reihe (1790-1824) ist ganz dem Thema »Natur« gewidmet, während in der sechsten Reihe (1780-1809) »Bemerkungen verschiedener Autoren« (»BVA«) gesammelt sind. Handelt es sich bei den frühen Exzerpten der ersten Reihe noch größtenteils um ausführliche, oft mehrere Seiten lange, zitierende Textauszüge, so sind die Exzerpte nach 1781 viel kürzer, oft nur noch satzlang oder stichpunktartig und bewegen sich vom wörtlichen Zitat hin zum umformulierenden Konzentrat.

    [Charakterisierung der Exzerptheften-Reihe VI (BVA) (Sabine Straub)]

    Um in den im Lauf der Zeit zu Tausenden von Seiten angewachsenen Exzerpten nicht die Orientierung zu verlieren, schuf sich Jean Paul verschiedene Ordnungssysteme, deren erstes, die verschiedenen Exzerptreihen mit ihren durchnummerierten Einzelbänden, schon erwähnt wurde. Ab dem Jahr 1796 versieht Jean Paul seine Einzelexzerpte mit einer Nummerierung, die in jedem Exzerptheft neu einsetzt und in Kombination mit der Bandnummer eine noch genauere Referenzierung erlaubt als die zuvor herangezogenen Seitenzahlen. Wenn also, was häufig zu beobachten ist, Jean Paul sich in seinen anderen Textsammlungen oder Roman-Vorarbeiten direkt auf seine Exzerpthefte bezieht, dann zielt der Verweis »76/13« auf die Seite 76 im Exzerptband 13 (1788) der Reihe »Geschichte«, während mit »388/36« das Exzerpt mit der Nummer 388 in Band 36 (1803) gemeint ist. Allerdings wird der Nutzen der Exzerptnummerierung durch häufige Zählfehler Jean Pauls beträchtlich geschmälert.

    Die Bände der ersten Reihe verfügen über ein genaues Inhaltsverzeichnis und wurden von Jean Paul in zwei Teilregistern bibliographisch erfasst. Auch in den späteren Bänden findet man am Schluss oder auf den vorderen und hinteren Einbandseiten Auflistungen der exzerpierten Bücher, die allerdings sehr knapp und meist unvollständig sind. Eine thematische Erschließung enthalten die einzelnen Bände nicht; hierzu hat Jean Paul ein eigenes Register angefertigt, das allein an die 2.000 Manuskriptseiten umfasst, alphabetisch angelegt ist und eine Untergliederung nach Stichworten aufweist (beispielsweise unter Buchstabe N die drei Stichworte »Nachahmung«, »Nakt« und »Name«). Die Register enthalten neben den Verweisen auf die Band- und die Seitenzahl bzw. auf die Exzerptnummer auch jeweils eine Art Kurzfassung des registrierten Exzerpts. Jean Paul füllte diese Register durch Erfassung neu angelegter Exzerptbände und systematisches, mehrfaches Wiederlesen der alten Bände immer weiter an und legte schließlich sogar mehrere Register zu den Registern an, genauso wie er auch Exzerpte aus seinen Exzerpten anfertigte. In beiden Fällen handelt es sich zweifellos um interessante Arbeitsgänge innerhalb der Jean Paulschen Schreibwerkstatt, deren Ergebnisse allerdings nicht zum Korpus des im Rahmen unseres Editionsprojekts bearbeiteten Materials gehören.

     

    Arbeitsschritte

    Die Exzerpthefte werden zunächst in Form von Mikrofilmen aus der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz entliehen, die den Nachlass Jean Pauls verwahrt. Von diesen Filmen werden in Würzburg Papierkopien im Forma A3 gezogen, die dann als Grundlage der Transkription dienen.

    Transkribiert wird direkt »in den Computer«, das heißt ohne handschriftliche Zwischenstufen. Bereits bei der Texteingabe werden Textbesonderheiten wie Streichungen, Korrekturen, Schreibkürzel etc. »ausgezeichnet«, d.h. strukturell kenntlich gemacht.

    Die Daten werden im XML-Format erfasst, wobei die Document Type Definition (DTD) »TEI lite« der TEI (Text Encoding Initiative) Anwendung findet. Wir arbeiten dabei mit dem XML-Editor XMetaL. Zum Korrekturlesen werden die XML-Daten per XSL-Stylesheet in HTML-Daten umgewandelt und ausgedruckt. Da vor der Entscheidung für XML und TEI zu Beginn des Projekts noch mit »Microsoft Word«-Dateien gearbeitet wurde, mussten über 2.000 bereits transkribierte Manuskriptseiten in die neue Codierung umgearbeitet werden, was trotz einiger Automatisierung mit erheblichem Aufwand verbunden war.

    Problematische Stellen, die bei der Korrektur und/oder beim Korrekturlesen aufgefallen sind, werden mit dem Tag unclear ausgezeichnet und mit den Originalmanuskripten in der Staatsbibliothek Berlin gegengelesen. Ein zweiter Korrekturdurchgang, bei dem es neben der Textsicherung auch um die Datenstruktur und die Vorbereitung des Personenregisters geht, schließt die Bearbeitung ab.

    Zum internen Gebrauch liegen alle transkribierten Texte in einer per Volltextrecherche abfragbaren Datenbank vor, die mit dem Programm »Folio« (Hersteller: Nextpage) erstellt und regelmäßig auf den neuesten Bearbeitungsstand gebracht wird. Für die Online-Vorabveröffentlichung und die spätere CD-ROM-Publikation wird aller Voraussicht nach die Software NXT4 des selben Herstellers zum Einsatz kommen.

     

    Bedeutung des Editionsprojekts

    In seinen Exzerptheften hat Jean Paul von früher Jugend an bis kurz vor seinem Tod auf über 12.000 Seiten festgehalten, was ihm bei der Lektüre hunderter von Büchern und Zeitschriften auffiel und sich für eine literarische Weiterverarbeitung eignete. Es sind Lesefrüchte der ganz besonderen Art, die sich da in wilder Unordnung zu einem post-barocken Florilegium des Gelehrten- und Volkswissens zusammenfügen. Anekdoten aus allen Zeiten und Ländern, pflanzen- und heilkundliche Details, statistische Angaben, Gesetzesparagraphen, theologische Streitfälle, ethnologische Besonderheiten, Wetterregeln, ästhetische und philosophische Aperçus stehen, meist auf die Länge eines Satzes reduziert und nur mit knappen Quellenangaben versehen, buntgemischt nebeneinander und formen in zigtausend einzelnen Einträgen einen in dieser Form wohl einzigartigen Textfundus.

    Für Jean Paul waren seine Exzerpthefte ein stets neu zu füllender und somit nie versiegender Materialspeicher, den er beim Schreiben seiner Texte immer wieder anzapfte, am exzessivsten in seinen frühen Satiren, dann aber auch in allen Filiationen seiner späteren Werke. Teils wurden die »Textbausteine« vom Autor direkt und unverändert in die Werke integriert, teils finden sie sich in abermals kondensierter Form in einem riesigen thematisch geordneten Register wieder und wurden von dort aus weiterverarbeitet, teils führt der Weg aber auch über Zwischenstufen anderer im Nachlass enthaltener Textsammlungen, denen Jean Paul je nach stilistischer oder funktionaler Ausrichtung die Titel Dichtungen, Merkblätter, Gedanken, Bausteine, Erfindungen, Einfälle, Gedankenblitze, Satiren oder Ironien gab. Zwar handelt es sich bei den Exzerpthefteinträgen »nur« um literarisch unbearbeitete Lesefrüchte, die zum Großteil in der Sachliteratur geerntet wurden, doch kann durchaus auch bereits die von Jean Paul vorgenommene Auswahl, Verkürzung und Formulierung des Vorgefundenen als schöpferischer Akt gesehen werden. Obwohl diesem Kuriositätenkabinett auf den ersten Blick beinahe jeglicher dem Autor zuzuordnende poetische Funke fehlt, so ist es, auch in seiner chronologischen, tagebuchartigen Anlage, von den berühmten Sudelbüchern Georg Christoph Lichtenbergs nicht weit entfernt.

    Die Exzerpthefte sind die Keimzelle fast aller Anspielungen, kuriosen Vergleiche, gebildeten Zitate, bibliographischen Verweise und vieler mehr oder weniger gelehrten Denk- und Merkwürdigkeiten in Jean Pauls Romanen und anderen Schriften. Damit sind sie eine wesentliche Komponente im Schreibverfahren des Autors, das sich freilich keineswegs in der Verarbeitung dieses enzyklopädischen Materials erschöpft. Die oftmals verworrenen oder, je nach Sichtweise, kunstvoll gestrickten Fabeln der Romane sind genauso wie ihre Figuren weitgehend unabhängig von den Exzerptheften entstanden, und auch gerade die Textteile, mit denen Jean Paul bei einem Teil seiner zeitgenössischen Leserschaft besondere Bewunderung erregte, sind vielfach gänzlich frei von Exzerptbezügen. Welch hohen Stellenwert die in unermüdlicher Kleinarbeit angelegte Materialsammlung für den Autor zeitlebens hatte, zeigt aber nicht zuletzt die briefliche Anweisung Jean Pauls an seine Frau, dass im Brandfall vor allem anderen die »schwarzeingebundnen Exzerpte zuerst zu retten« seien (Brief an Karoline Richter, Ende Mai 1812, SW III/6,267).

    Götz Müller hat 1988 erstmals eine strukturell und bibliographisch orientierte Übersicht über den Inhalt der Exzerpthefte vorgestellt (Jean Pauls Exzerpte. Würzburg 1988). Das Verzeichnis stieß in der Jean-Paul-Forschung auf großes Interesse und wurde, trotz einiger berechtigter Kritik, zum festen Bestandteil aller Untersuchungen, die von Jean Pauls Lektürepensum, seinem Wissenshorizont oder seinem Schreibverfahren handeln. Nachdem dank Müllers Pionierarbeit die Bedeutung der Exzerpthefte bei der Entstehung von Jean Pauls Texten und somit auch bei deren detailgenauen Kommentierung erst gänzlich ermessen werden konnte, wurde Ende 1998 mit ihrer vollständigen Transkription und digitalen Edition begonnen.

     

    Datenstruktur

    Jedes transkribierte Exzerptheft wird als separate XML-Datei gespeichert. Die Struktur dieser Dateien entspricht den Vorgaben der Auszeichnungssprache XML sowie dem Strukturierungsmodell, das die Text Encoding Initiative (TEI) in ihrer Document Type Definition »TEIxlite« festgelegt hat.
    Zur Visualisierung der Textauszeichnung kommt bei der Bearbeitung ein CSS-Stylesheet (teixlite.css) zum Einsatz, das die Bildschirmdarstellung der einzelnen Elemente steuert. Es bewirkt zum Beispiel, dass Schreibkürzel und Textauslassungen in Jean Pauls Handschrift, die bei der Transkription aufgelöst und mit dem Tag abbr gekennzeichnet wurden, in Kursivschrift erscheinen, und Eigennamen, die mit dem Tag <name> versehen wurden, durch Fettschrift hervorgehoben sind. Zu Korrekturzwecken werden die Daten via XSL-Stylesheet transformiert und in Kombination mit einem eigenen CSS-Stylesheet aufbereitet, das alle Informationen sichtbar macht, die zum Korrigieren erforderlich sind.

    Im Moment entspricht jedes Einzelexzerpt einem Textabsatz, der mit dem Tag p ausgezeichnet ist. Dies ist nur eine vorläufige Lösung. Im Zuge der Zweitkorrektur werden die Einzelexzerpte, also in der Regel die p-Elemente, durch div2-Elemente mit einer eindeutigen fortlaufenden ID ausgezeichnet. Das übergeordenete Element div1 findet Anwendung, wenn es sich, wie bei den frühen Exzerpten, um zusammenhängende Exzerptgruppen handelt.

    Während also momentan lediglich eine Absatzdifferenzierung (Element p) vorliegt, wird es im letzten Bearbeitungszustand div1-Elemente geben, in denen mehrere div2-Elemente stehen können, die wiederum mehrere p-Elemente enthalten können. Dieser komplexe Fall tritt fast ausschließlich bei den frühen Exzerpten auf. Da es ab 1782 kaum noch eigentliche Exzerptgruppen, sondern nur noch Einzelexzerpte gibt, die in aller Regel auch einem Textabsatz entsprechen, sieht die typische Datenstruktur zum Beispiel für das dreiunddreißigste Exzerpt aus Band 9 des Fasszikels 2a dann folgendermaßen aus:

    <div1 id="ex2a09-0033"><div2>(Exzerpttext in p-Elementen)</div2></div1>

    Innerhalb der <div2>-Elemente werden zur Auszeichnung des Texts weitere 14 TEI-Elemente angewendet. Dies bedeutet im Vergleich zur gemäß der DTD möglichen Zahl von einsetzbaren Elementen eine relativ geringe Erfassungstiefe. Gerade die Möglichkeiten der semantischen Feinstrukturierung und der Kommentierung werden dabei nicht ausgeschöpft, da die Transkription von 12.000 Manuskriptseiten auf diesem Bereich unmöglich historisch-kritische Qualität anstreben kann. Aus pragmatischen Gründen muss das Bearbeitungsinteresse mehr auf die differenzierte Dokumentation des Handschriftenbefundes zielen als auf eine inhaltlich-thematische Strukturierung. Folgende Elemente und Attributwerte kommen zur Anwendung:

    div1
    Exzerptgruppe mit gemeinsamer Überschrift oder angegebener Quelle und mehreren Einzelexzerpten bzw. Kapiteln

    div2
    Einzelexzerpt, alleinstehend oder in einer Exzerptgruppe, mit eindeutiger Identifikationsnummer (Attributwert "id"); die Überschriftennummerierung oder Exzerptzählung Jean Pauls wird im Attributwert "n" festgehalten"

    p
    Textabsatz eines Einzelexzerpts

    abbr
    Schreibkürzel oder Buchstabenauslassungen in Jean Pauls Handschrift, die bei der Transkription restituiert wurden

    del
    von Jean Paul gestrichener Text

    add
    von Jean Paul zwischen den Zeilen mit Einfügungszeichen nachträglich eingefügter Text; fehlt das Verweiszeichen, wird der nachträgliche Text in geschweifte Klammern gesetzt

    name
    Eigennamen von Personen und biblischen Gestalten; über den Attributwert "n" mit einer Personendatenbank verbunden; Grundlage für die Registererstellung

    title
    Titel eines Buches oder eines anderen publizierten Schriftwerks

    bibl
    Bibliographische Quellenangabe zu einem Einzelexzerpt, in der Regel Name und/oder Titel plus Seitenangabe

    corr
    Korrektur des Verfassers (mit Attributwert resp="JP") oder korrigierender Eingriff der Editoren (Attributwert resp="[Namenskürzel des Bearbeiters]")

    unclear
    auch nach Autopsie der Originalhandschrift unklar gebliebene Textstelle; mit Differenzierung des Sicherheitsgrades über den Attributwert "cert""

    pb
    Seitenwechsel mit Seitenzahl <note> Anmerkung Jean Pauls (mit Attributwert resp="JP") oder der Editoren (Attributwert resp="[Namenskürzel des Bearbeiters]")

    hi
    Wechsel von deutscher in lateinische Schrift (Attributwert rend="latin"), Hochstellung (Attributwert rend="high")

    emph
    Unterstreichung <xref> Querverweis innerhalb eines Exzerpthefts oder Verweis auf andere Exzerpthefte bzw. Einzelexzerpte; Sprungziel ist jeweils die eindeutige ID des von Jean Paul anvisierten Exzerpts

     

    Digitales Konzept

    Zu weiteren Details der Digitalisierung sei auf den folgenden online verfügbaren Aufsatz verwiesen:


    Will, Michael: Die elektronische Edition von Jean Pauls Exzerptheften. In: Jahrbuch für Computerphilologie 4 (2002), S.167-186. [zur Online-Version]

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    Institut für deutsche Philologie
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